Forschungsprojekt

PERVERSE DECOLONIZATION

Ein (selbst-)kritisches Forschungsprojekt der Akademie der Künste der Welt Köln
mit Symposien, künstlerischem Programm und Publikation

Herbst 2017 bis Herbst 2018 (Publikation: Frühjahr 2019)

Projektleitung: Ekaterina Degot, David Riff
Kuratorin für künstlerische Auftragsarbeiten: Aneta Rostkowska

Perverse Decolonization ist ein internationales Forschungs- und Diskussionsprojekt, das sich mit der aktuellen Krise der Postcolonial Studies befasst und kritisch fragt, wie diese sich möglicherweise durch die neuen Nationalismen, die weltweit auf dem Vormarsch sind, vereinnahmen lassen. Das Projekt untersucht, inwiefern die von uns unterstützte Agenda der Dekolonisierung sich in reaktionären Projekten wiederfindet und welche neuen Formen der Solidarität und des gemeinsamen Handelns dieser neuen Gefahr entgegenwirken können. Das Projekt versammelt eine internationale Arbeitsgruppe von Kunstschaffenden, Autoren, Kuratoren und Theoretikern aus verschiedenen Regionen der Welt (Ostasien, Naher Osten, Ost- und Westeuropa, USA). Gemeinsam untersuchen sie den Begriff der „pervertierten Dekolonisierung“ im Sinne eines emanzipatorischen Prozesses, der fehlgegangen ist, der aber auch zurechtgebogen wurde, um neuen, transgressiven Begehrlichkeiten zu entsprechen. Betrachtet man die heute weltweit erstarkenden rechten Bewegungen, fällt auf, dass diese sich in unheimlicher Weise einer Rhetorik aus dem Kontext der Dekolonisierung bedienen, um nationalistische Absichten zu propagieren.

Daher ist es an der Zeit, den Hintergrund einer solchen „pervertierten Dekolonisierung“ genauer zu betrachten: Inwiefern reproduzieren postkoloniale Identitäten koloniale Gewalt? Wie verweigern Identitätspolitiken den postkolonialen Subjekten die politische Dimension? Wie erheben sich „schweigende“ Mehrheiten gegen kosmopolitische Eliten, und wie exportieren alternative koloniale Projekte nicht-westliche Versionen von Fortschritt auf ähnlich gewaltsame Weise, wie dies die ursprüngliche europäische Kolonialpolitik tat? Können alternative Konzepte wie Staatenlosigkeit, „subalterner Kosmopolitismus“ oder eine globale sozialistische Moderne dem festgefahrenen Postkolonialismus den Weg weisen?

Ein Forschungstreffen im Herbst 2017 in Köln bildete den Auftakt des Projekts, gefolgt von einem Meeting in Warschau im Februar 2018, beide begleitet von jeweils einem Vortrag und einer Podiumsdiskussion. In 2018 wird das Projekt in einer Reihe von Forschungssymposien und Veranstaltungen in den Partnerinstitutionen fortgeführt und im Herbst 2018 in einem Abschlusssymposium in Köln münden. Als dauerhafter Beitrag zum heute dringenden Diskurs über das Thema wird dann im Frühjahr 2019 ein Buch (in englischer und deutscher Ausgabe) erscheinen, das neben längeren Textbeiträgen auch die im Laufe des Projekts beauftragten künstlerischen Beiträge dokumentiert.

Institutionelle Partner:
Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art, Warschau (Polen)
Para Site, Hongkong (China)
The Israeli Center for Digital Art, Holon (Israel)
Reva and David Logan Center for the Arts, Chicago (USA)
Tensta Konsthall, Spånga (Schweden)
Württembergischer Kunstverein, Stuttgart (Deutschland)

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

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Zusammenfassung
Forschungstreffen, Perverse Decolonization

26.-27. Oktober 2017, Akademie der Künste der Welt, Köln

Das Projekt begann im Oktober 2017 mit einem zweitägigen, nicht öffentlichen Forschungsseminar. Diskutiert wurde ein breites Themenspektrum, von den theoretischen Grundlagen des Projekts bis hin zu konkreten Einzelfällen, auf die sich der Begriff „pervertierte Dekolonisierung“ anwenden ließe. Dazu gehörten historische Beispiele wie etwa der antiwestliche Imperialismus des Japanischen Kaiserreiches in den 1930er und 1940er Jahren in Form seines Marionettenstaates Mandschukuo oder die Geschichte der vergessenen Alternativen des Zionismus und der Pervertierung seiner universellen, ortsungebundenen Agenda, aber auch die gegenwärtigen Auswirkungen in Ostasien oder im Nahen Osten. Darüber hinaus wurden aktuelle Themen besprochen wie etwa die derzeitige Verwendung identitärer Argumente und dekolonialer Rhetorik durch die polnische Rechte und wie sich dies im Kulturschaffen widerspiegelt. Thematisiert wurde auch die Situation in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern. Das zweitätige Seminar endete mit einem öffentlichen Vortrag von Vivek Chibber zur Kritik von Edward Saids Orientalismus und einer Podiumsdiskussion mit einigen Projektteilnehmern.

Teilnehmer:
Vivek Chibber (New York), Saddie Choua (Brüssel), Cosmin Costinas (Hongkong), Hans D. Christ (Stuttgart), Ekaterina Degot (Köln), Iris Dressler (Stuttgart), Udi Edelman (Holon), Renan Laru-an (Manila), David Riff (Berlin), Aneta Rostkowska (Köln), Konrad Schiller (Warschau), Janek Simon (Warschau), Joshua Simon (Tel Aviv), Jan Sowa (Warschau), Mi You (Köln)

8.-9. Februar 2018, Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art, Warschau

Fortgesetzt wurde das Projekt mit einem zweitätigen Workshop in Warschau. Die Gäste wurden von den polnischen Partnern eingeladen, um die Situation in Polen gezielter zu diskutieren, wo das Wiederaufflammen der Xenophobie und die Herausbildung einer neuen Islamophobie einhergehen mit Scheinargumenten zugunsten einer „Dekolonisierung“ Polens von schädlichen westlichen oder russischen Einflüssen. Eingehend diskutiert wurde die Geschichte Polens und seiner Bildungselite, ihre Selbstwahrnehmung als „selbstkolonisierende“ Kraft und die Rolle der westlichen „Kolonisierung“ durch die Konsumkultur. Das zentrale Anliegen war, die Hintergründe des aktuellen Rechtsrucks und dessen Verwendung dekolonisierender Rhetorik zu beleuchten. An beiden Abenden fanden öffentliche Veranstaltungen statt: ein Vortrag von Monika Bobako über Islamophobie in Polen und eine Podiumsdiskussion über das Projekt und seinen gedanklichen Kontext.

Teilnehmer:
Monika Bobako (Warschau), Ekaterina Degot (Graz), Andrzej Leder (Warschau), Joanna Rajkowska (London/ Warschau), David Riff (Berlin), Aneta Rostkowska (Köln), Konrad Schiller (Warschau), Jan Sowa (Warschau), Magda Szcześniak (Warschau), Tomasz Zarycki (Warschau)

Weitere Zusammenkünfte sind in Holon, Hong Kong, Chicago und Stuttgart geplant. Das Projekt endet im Herbst 2018 mit einem Symposium und einem künstlerischen Programm in Köln.

Termine:
26.-27. Oktober 2017: Akademie der Künste der Welt, Köln
8.-9. Februar 2018: Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art, Warsaw (Polen)
19.-20. Mai 2018: Para Site, Hong Kong (China)
19.-20.. Juni 2018: The Israeli Center for Digital Art, Holon (Israel)
voraussichtlich September 2018: Württembergischer Kunstverein, Stuttgart
5.Oktober 2018: Reva and David Logan Center for the Arts, Chicago (USA)
16.-17. November 2018: Akademie der Künste der Welt, Köln