Ausstellung

• 15​ 09​ – 18​ 11​ 2018 •
Floraphilia Floraphilia. Plants as Archives

Mit MARIA THEREZA ALVES, ALBERTO BARAYA, MAGDA BUCZEK, KAROLINA GRZYWNOWICZ, LAURI AINALA & KALLE HAMM, CANDICE LIN, TERESA MURAK, URIEL ORLOW, NAUFUS RAMÍREZ-FIGUEROA, MATEUSZ OKOŃSKI, ACHIM RIECHERS, MEGGY RUSTAMOVA und JUDITH WESTERVELD

Kuratiert von Aneta Rostkowska

18:00

Ort: Academyspace, Herwarthstraße 3, 50672 Köln
Freier Eintritt

ÖFFNUNGSZEITEN:
15 9 – 18 11 2018
Do + Fr: 15:00 – 19:00
Sa + So: 14:00 – 18:00

Die Ausstellung ist am 20 10, 21 10, 1 11 und 11 11 2018 geschlossen.

Bei genauer Betrachtung der Geschichte der Menschheit stellen wir fest, dass verschiedene Pflanzen das menschliche Leben in großem Maße beeinflusst haben. Opium, Baumwolle, Kaffee, Zuckerrohr, Cinchona, Kautschuk und viele andere Pflanzen formen, jede auf ihre eigene Art, einzigartige organische Archive sozialer, wirtschaftlicher und politischer Prozesse.

Besonders in der Geschichte des europäischen Kolonialismus haben Pflanzen eine entscheidende Rolle gespielt. Ihr Transport aus den und in die Kolonien war Quell von großem finanziellem Profit. Die Kolonien dienten als perfekte Orte, um tropische Pflanzen heranzuziehen, die in einem europäischen Klima nicht wachsen konnten. Sie halfen, Märkte zu etablieren, während die Kolonisatoren von der Monopolisierung des Handels, der Einführung von Importsteuern und der Lizenzierung von Exporten profitierten.

Die Botanik als Wissenschaft und botanische Gärten als Orte, an denen dieselbe blühte, waren essentiell für die koloniale Ausübung militärischer Macht. Botanische Gärten ermöglichten das Sammeln von Pflanzen und ihre Erforschung, Vermehrung und Transformation und machten sie zu wichtigen Werkzeugen der kolonialen Aneignung. Botaniker untersuchten die Notizen von Händlern, von denen sie später Samen und Exemplare erhielten. Sie schickten ihre Schüler in weite Teile der Welt, um Pflanzen zu sammeln. Carl Linnaeus, ein im achtzehnten Jahrhundert lebender Schwede, schickte etwa zwanzig. Unterstützt wurden sie dabei von den europäischen Monarchen – zwischen 1760 und 1808 entsandte der spanische König 57 Expeditionen zur Erforschung der Flora der spanischen Kolonien.

Und obwohl der Kolonialismus offiziell vor Jahrzehnten beendet wurde, fußt der gegenwärtige Reichtum der westlichen Gesellschaften zu einem großen Teil auf der fortgesetzten Ausbeutung ehemaliger Kolonien, nun im Namen der Ideologie des "freien Marktes".

Die Ausstellung Floraphilia. Plants as Archives soll die sozialen und politischen Aspekte der Geschichte der Pflanzen, der Botanik und des botanischen Gartens beleuchten. Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung thematisieren in unterschiedlicher Weise die Vereinnahmung von Pflanzen in der Kolonialgeschichte und in der Geschichte im Allgemeinen sowie ihre ökonomischen, feministischen und Migrationskontexte. Sie ermutigen uns, die gemeingültige Vorstellung von der Pflanze als mechanistisches Ding, das nur auf einfache Reize reagiert, abzulehnen und führen uns zu einer Perspektive, die die signifikante Kontinuität zwischen Menschen und Pflanzen hervorhebt; Pflanzen, die – dynamisch, atmend und wachsend - Intentionalität und sogar Erinnerung besitzen.

Einen wichtigen Teil der Ausstellung stellen Kopien von Archivalien dar, die in Institutionen in Köln, wie dem Stadtarchiv und der Universitätsbibliothek Köln, und darüber hinaus gefunden wurden. Sie sollen dabei helfen, den kolonialen Hintergrund von Pflanzensammlungen in der Stadt und der Region zu erforschen.

Das Ausstellungsdesign von MATEUSZ OKOŃSKI, das selbst eines der Kunstwerke der Ausstellung darstellt, ist ein White Cube aus Baumwollgewebe. Alle Ausstellungsräume wurden sorgfältig mit dem Material bedeckt, was die Zerbrechlichkeit der Räume und ihre Abhängigkeit von politischen und gesellschaftlichen Ereignissen hervorhebt.

Zu sehen sein wird außerdem eine Sonderausgabe des SURPLUS-Projekts: Auf der Suche nach neuen semantischen Fetischen, die Welt der Flora betreffen, erforscht die Künstlerin MAGDA BUCZEK Diskurse, Lifestyle-Trends und moderne Ökologien. Ihre Texte werden auf gebrauchte Kleidungsstücke in einer limitierten Auflage von zehn Exemplaren gedruckt. Die T-Shirts und Pullover sind NUR während der Eröffnung der Ausstellung am 14 9 (von 18:00 bis 20:00 Uhr) und während des öffentlichen Programms zum Projekt am 15 9, 30 9 und 31 10 erhältlich.

Mit der Ausstellung wird das zweijährige Projekt Floraphilia. Über die Verflechtungen von Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus eröffnet. Im Jahr 2019 wird Floraphilia bei folgenden Partnerinstitutionen zu sehen sein: SAVVY Contemporary in Berlin, Council in Paris, La Loge in Brüssel und Bunkier Sztuki Gallery of Contemporary Art in Krakau.

Die Gewächshausleuchten für die Installation von Karolina Grzywnowicz wurden freundlicherweise von LED Farmer (www.ledfarmer.pl) zur Verfügung gestellt. Die Teilnahme von Kalle Hamm wird von Frame Contemporary Art Finland unterstützt. Die Teilnahme von Dagna Jakubowska wird vom Adam-Mickiewicz-Institut (www.culture.pl) unterstützt.

MARIA THEREZA ALVES (* 1961 in São Paulo) ist Installationskünstlerin mit Lebensmittelpunkt in Berlin. Ihre Installation The Return of a Lake (2012), die sich mit der kulturellen, ökologischen und politischen Geschichte der Region Chalco bei Mexiko-Stadt befasst, war auf der documenta 13 zu sehen. Ein anderes Projekt, Seeds of Change (2012–2016), untersuchte die exotische Vegetation von Hafenstädten wie Bristol und Liverpool sowie deren Wurzeln im Handel mit Übersee.

ALBERTO BARAYA (* 1968 in Bogotá, Kolumbien) nutzt die Mittel von Fotografie, Video, Objets Trouvées und Zeichnungen, um koloniale Ausbeutung und deren Niederschlag im heutigen Welthandel zu parodieren. Seine Arbeiten waren auf zahlreichen Biennalen und in Soloausstellungen – bspw. im Museo de Arte Moderna de Bogotá oder im Palais de Tokyo in Paris – zu sehen. Baraya lebt und arbeitet in Bogotá.

MAGDA BUCZEK ist eine in Warschau und Kopenhagen lebende multidisziplinäre Künstlerin und Autorin der Kooperationsplattform SURPLUS. Ihre Projekte umfassen oft Texte, Performances und künstlerische Kollaborationen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem von Calvert 22 in London, WANTED Design in New York und im SOMA in Mexico City ausgestellt.

KAROLINA GRZYWNOWICZ (* 1984 in Krakau) ist Multimedia-Künstlerin und folgt in ihren Arbeiten einem interdisziplinären Ansatz: Als komparatistische Literaturwissenschaftlerin lässt sie umfangreiche Recherchen und Elemente des Storytellings in ihre Kunstprojekte und Installationen einfließen. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

KALLE HAMM (* 1969 in Rauma, Finnland) studierte Design und Bildende Kunst am Lahti Institute of Fine Arts sowie der Aalto University in Helsinki. Im Zentrum seiner Arbeiten steht die Untersuchung kultureller Begegnungen und ihrer Wirkungen in historischen und zeitgenössischen Kontexten. Seit 1999 entwickelt Kalle Hamm regelmäßig gemeinsam mit dem Künstler Dzamil Kamanger künstlerische Projekte. Er lebt in Helsinki.

CANDICE LIN (* 1979 in Concord, USA) folgt mit ihren Arbeiten einem ethnografischen Ansatz und greift Positionen postkolonialer Kritik auf. Zuletzt waren ihre Werke in Galerien in Porto und Los Angeles zu sehen, außerdem beteiligte sie sich an verschiedenen internationalen Gruppenausstellungen. Lin ist Mitbegründerin und Co-Direktorin des Monte Vista Project, einer von Künstler* innen geführten Galerie in Los Angeles. Sie lebt und arbeitet in L.A.

TERESA MURAK (* 1949 in Lublin, Polen) ist eine Performance-Künstlerin, die sich auf dem Gebiet der Nature Art und als feministische Künstlerin einen Namen gemacht hat. Themen wie die Beziehung zwischen Natur bzw. Pflanze und Mensch spielen eine zentrale Rolle in ihrem Werk. Einzelausstellungen waren u.a. in der Galerie des Polnischen Instituts Düsseldorf oder im Centrum für zeitgenössische Kunst im Ujazdowski-Palast, Warschau, zu sehen. Sie lebt und arbeitet in Warschau.

MATEUSZ OKOŃSKI (* 1985 in Krakau, Polen) ist Künstler, Kurator, Sammler und Ausstellungsdesigner. Der Absolvent der Fakultät für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Krakau ist Gründer und ehemaliger künstlerischer Leiter von Zbiornik Kultury am Kulturinstitut Malopolska. Im Jahr 2010 gründete er mit Jakub Skoczek und Jakub Woynarowski die Kunstgruppe Quadratum Nigrum. QN gräbt nach Verschwörungstheorien und Rissen in der Geschichte; die Gruppe verbindet klassische Avantgarde-Werke mit Impulsen aus fernen Zeiten zu neuen und oft überraschenden Kompositionen.

URIEL ORLOW (* 1973 in Zürich) kombiniert in seiner recherche-intensiven künstlerischen Praxis Filme, Fotografie, Zeichnungen und Sound. Seine Arbeiten waren international auf verschiedenen Filmfestivals, Kunst-Biennalen und in renommierten Museen zu sehen. Darüber hinaus hat er an der University of Westminster, London, sowie an der Zürcher Hochschule der Künste Lehraufträge inne. Orlow lebt und arbeitet in London und Zürich.

NAUFUS RAMÍREZ-FIGUEROA (* 1978 in Guatemala City) iist Absolvent der School of the Art Institute of Chicago. Er hat verschiedene Stipendien erhalten, darunter die renommierte Guggenheim Fellowship. Seine Performances und Solo-Ausstellungen waren international in diversen Museen und Kunst-Biennalen zu sehen. Er lebt in Berlin und Guatemala City.

ACHIM RIECHERS (* 1958 in Hannover) lebt und arbeitet in Köln. Nach dem Studium der Visuellen Kommunikation, das er in Köln mit dem Titel Master of Arts abschloss unterrichtete er Film und Fotografie an verschiedenen Hochschulen und publiziert seit 1993 Fotobücher. 2013 gründet er das Journal Richas Digest und den gleichnamigen Ausstellungsraum in Köln. Seine oft soziologisch basierten Fotoarbeiten sind international in verschiedenen Sammlungen vertreten.

MEGGY RUSTAMOVA (* 1985 in Tiflis) lebt und arbeitet in Brüssel und Gent. In ihren Installationen und Video-Arbeiten befasst sie sich mit Themen wie Vertreibung, Sprache und Identität. Sie nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, u.a. am CAB Art Center, Brüssel, im Salzburger Kunstverein oder am Project Arts Centre in Dublin. Auf den Oberhausener Kurzfilmtagen war 2018 ihr Film Light Displacement zu sehen.

JUDITH WESTERVELD (* 1985 in den Niederlanden) absolvierte zunächst ein Studium an der Gerrit Rietveld Academie und machte anschließend ihren Master in Artistic Research an der Universität von Amsterdam. Im Sommer 2018 hatte sie mit The Dream of a Common Language in der Lumen Travo Gallery, Amsterdam, ihre erste Solo-Ausstellung. Darüber hinaus war sie an zahlreichen Gruppenausstellungen beteiligt. Judith Westerveld lebt in Amsterdam und Kapstadt.

Floraphilia. Über die Verflechtungen von Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Alt text