2018 - Ein Rückblick


An dieser Stelle nehmen wir uns Zeit für einen Blick auf unsere Arbeit im vergangenen Jahr: Diese Introspektion wird uns bei der Planung der kommenden Jahre helfen.

Die Saison begann im April 2018 mit gewissen Ängsten und Vorahnungen, als wir unser Programm mit der Akademie x Ebertplatz in Zusammenarbeit mit der lokalen Galerie Gold+Beton einweihten. Es war ein deutliches Signal an das breite Publikum und an Künstler*innen, dass die Akademie eine neue Richtung einschlägt – zu mehr Verankerung in der Stadt und der Region. Die Prekarität der Ebertplatzpassage und die soziale Verwundbarkeit der Akademie verschmolzen Anfang 2018 zu einer dynamischen kreativ-politischen Synergie. Es ist ermutigend zu sehen, wie sehr sowohl die Akademie als auch die Passage seitdem im Ansehen gewachsen sind.

I
Kurz nach der Saisoneröffnung am Ebertplatz starteten wir unsere erste Programmachse: found:erased:palimpsest, 2018/2019/2020. Das Programm will öffentliche Erinnerungen der Region (Köln und Nordrhein-Westfalen) in einer digitalen öffentlichen Installation versammeln. Dabei strebt es die Zusammenarbeit mit vielen Akteuren an: mit dokumentarischen Initiativen, Kulturgruppen, akademischen Institutionen, Gemeindeorganisationen sowie einzelnen Künstler*innen und Archivar*innen. Wir sind überwältigt von den Reaktionen, die wir erhielten

– von Institutionen wie
DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.),
NS-Dokumentationszentrum,
Institut für Kunst und Kunsttheorie, Universität zu Köln,
Interkultur Ruhr,
Kunsthochschule für Medien Köln,
Universität Duisburg-Essen und
Urbane Künste Ruhr,
– von Kunstgruppen wie
Atelier Automatique, Bochum,
PACT Zollverein, Essen,
ArtMX / City Leaks, Köln,
– von Gemeindeorganisationen wie
Subkulturhof, Kalk,
Alte Feuerwache, Agnesviertel...

Das sind bei Weitem nicht alle, neue Vorschläge für die Zusammenarbeit strömen weiterhin herein.

2018 veranstaltete die Akademie zahlreiche Vorträge, Workshops, Vorführungen, Ausstellungen, Performances sowie Listening Sessions mit lokalen und internationalen Gästen aus verschiedenen Praxisbereichen. Diese Events führten verschiedene Manifeste zeitgenössischer Erinnerungspraktiken zusammen und initiierten eine Kultur der Archivkompetenz in der Stadt. Unser Programm der lokalen Geschichten speist sich aus dieser Reihe von Welterfahrungen.

Wir entwickeln diverse künstlerische Strategien, um die öffentlichen Erinnerungen zu archivieren, die durch dieses große Netzwerk von Institutionen und Initiativen dokumentiert und online zugänglich gemacht werden sollen. Derzeit arbeiten wir mit Kooperationspartner*innen daran, ab 5 4 2019 mehrere Memory Stations (temporäre Zentren mit Studioeinrichtungen und kuratierten Veranstaltungen) an verschiedenen Orten in und rund um Köln sowie an anderen Stätten in NRW zu eröffnen.

II
Unsere zweite Programmachse heißt Sites at Stake. Hier präsentierten wir mit Global Positioning System (GPS) Not Working eine Ausstellung von Kunstwerken, die sich mit Räumen befassen, die vergessen, gelöscht oder zum Verschwinden gebracht werden. Wie der Ausstellungstitel schon sagt, können unsere Entfernungen von diesen Räumen nicht mit der Standardmethode des GPS gemessen werden. Die Ausstellung wurde als ein interkultureller und interdisziplinärer Dialog von Orten konzipiert, die geographisch und historisch weit voneinander entfernt sind. Dabei entstanden viele tiefe Zwiegespräche, zum Beispiel zwischen dem Gedenken an die von der Polizei entführten mexikanischen Studenten und dem an die Opfer außergerichtlicher Tötungen in Bangladesch, zwischen der Liebe und Einsamkeit einer verlassenen Hausfrau im kriegszerrütteten Libanon und den Gefühlen eines kaschmirisch-amerikanischen Dichters im Exil, zwischen Erinnerungen an die Rassengewalt in Afghanistan und an das Geschehen in der Keupstraße im Kölner Stadtteil Mülheim...

Das zweite Programm dieser Achse war Rethinking Locality, ein internationales Symposium, das sich mit den sozialen Bedeutungen und kulturellen Nuancen des Mikrolokalen und des Makroglobalen/Internationalen in der zeitgenössischen Kunstpraxis beschäftigt. Verschiedene Kunstinitiativen aus ganz Europa präsentierten ihre Strategien und Erkenntnisse zur Auseinandersetzung mit diesem Thema im Rahmen ihrer lokalen Gegebenheiten.

Floraphilia. Über die Verflechtungen von Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus ist ein zweijähriges Programm zu den Wechselbeziehungen zwischen Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus, das im Herbst 2018 startete. Viele Pflanzen, die für die Kultur und Wirtschaft Europas von entscheidender Bedeutung waren – wie Opium, Baumwolle, Kaffee, Zuckerrohr, Cinchona, Gummi usw. – haben komplexe und oft gewaltvolle internationale Migrationsgeschichten. Diese Pflanzen wurden im Laufe der Geschichte des botanischen Gartens entwurzelt, umgesiedelt und manipuliert. Kolonien dienten als perfekte Orte für die Keimung tropischer Pflanzen, die im europäischen Klima nicht wachsen konnten.
2018 präsentierten wir eine Ausstellung, welche diese Pflanzengeschichte durch ökonomische, feministische und migrantische Linsen untersuchte: Floraphilia. Plants as Archives. Sie wurde von einer Kochperformance, einem internationalen Symposium und einem Filmprogramm begleitet. 2019 wird dieses Projekt nach Berlin, Paris, Krakau und Brüssel reisen, um den Dialog zwischen verschiedenen kolonialen Pfaden auszubauen. Unsere Partner in diesen Städten sind SAVVY Contemporary in Berlin, Council in Paris, La Loge in Brüssel und Bunkier Sztuki Gallery of Contemporary Art in Krakau.

Das Projekt Floraphilia. Über die Verflechtungen von Pflanzenwelt, Botanik und Kolonialismus wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

III Festival of Original Fakes ist unsere dritte Programmachse. Dieses interdisziplinäre Jahresprogramm würdigt Kreativität, die über Autorenschaft hinausgeht und im Raum des Post-Originalen existiert. Es beschäftigt sich mit dem Akt des Kopierens, der in verschiedenen Modi und Praktiken erlebt und durchgelebt wird.

2018 hieß ein Projekt dieser Achse Kizobazoba, was auf Lingala, einer im Kongo gesprochenen Sprache, „improvisieren“ bedeutet. Der Begriff wird häufig für das Upcycling von Gebrauchtkleidung im Rahmen einer jugendzentrierten Modekultur verwendet. Dieses Phänomen ist ein Ableger der Sapeur-Bewegung des späten 20. Jahrhunderts: Postkoloniale Musiker*innen und Kulturschaffende in kongolesischen Gemeinschaften sowie in der afrikanischen Diaspora in Europa entwickelten zu dieser Zeit eine unverwechselbare Mode. Die handwerkliche Bekleidungsindustrie ist eine tragende Säule der Wirtschaft in Kinshasa und hat einen großen Einfluss auf die Jugend-Modetrends in Europa – eine Herausforderung für die multinationalen Modemarken.

Ziel unseres Projekts ist es, die Möglichkeiten der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen Europa und dem Globalen Süden jenseits der umstrittenen Themen „Flüchtlinge“ und „Migration“ in den Vordergrund zu stellen. In Zusammenarbeit mit der Designschule ISAM in Kinshasa und der Akademie Mode & Design (AMD) in Berlin produzierten wir eine Bekleidungslinie. Die Outfits wurden in einer Schau präsentiert, gefolgt von einem Konzert mit kongolesisch-deutschen Musiker*innen. Interaktive diskursive Begleitveranstaltungen über Mode, die Sapeur-Bewegung, Repräsentationen Afrikas, Museumspraktiken, Bildungswerkzeuge, dokumentarische Bildgestaltung, neue Kommunikationstechnologien etc. rundeten das Programm ab. 2019 wird die Modeperformance unter der Schirmherrschaft des GRASSI Museums für Völkerkunde in Leipzig präsentiert.

IV Die Junge Akademie ist ein Workshop-basiertes Jahresprogramm für junge Menschen. Sie bietet die Möglichkeit, sich künstlerisch mit dringenden politischen Fragen auseinanderzusetzen und sich in einem Forum mit eingeladenen Künstler*innen auszutauschen. Das Frühjahrsprojekt 2018 lautete Wild Things – Sounds and Narratives. Audiokulturen, Radioaktivismus und Podcasts inspirierten Teilnehmende dazu, eigene Wege zur Schaffung von Audioarbeiten zu erkunden.

Das Fellowship-Programm der Akademie engagiert sich für Aufenthalte internationaler Künstler*innen, Theoretiker*innen und Kuratoren**innen in Köln. Dieses Programm hat in der Vergangenheit viele erfolgreiche Interaktionen zwischen der Stadt und verschiedenen internationalen Praktiken und Kunstschaffenden ermöglicht. Aus finanziellen Gründen musste es im vergangenen Jahr reduziert werden. Unser einziger Fellow im Jahr 2018 war Percy Zvomuya, ein Autor und Journalist aus Simbabwe, der die Fußballkultur der Region während der Weltmeisterschaft 2018 erforschte. Wir hoffen, das Stipendienprogramm wiederherstellen und 2019 weiter ausbauen zu können.

Die Mitglieder sind nach wie vor die tragende Säule der Akademie. Jedes Jahr nominieren bestehende Mitglieder neue Kandidat*innen aus verschiedenen Orten und Tätigkeitsbereichen. 2017 endete die fünfjährige Amtszeit der ersten Generation von Mitgliedern, und zehn Gründungsmitglieder entschieden sich, zurückzutreten. Derzeit hat die Akademie 18 Mitglieder aus verschiedenen Bereichen der Kunstpraxis und Kulturwissenschaft.
2019 planen wir, ein neues Programm – die Members Gallery – zu starten, um Mitglieder bei der Produktion und Präsentation künstlerischer und kuratorischer Arbeiten zu unterstützen.

Der Freundeskreis der Akademie wurde im September 2018 von Regina Wyrwoll, der ehemaligen Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, gegründet. Sie ist auch die Hauptansprechpartnerin dieses Bereichs. Die Mitglieder wollen Lobbyarbeit für die Akademie der Künste der Welt/Köln gGmbH leisten und sich als Botschafter für Parteien, Behörden, Stiftungen, kulturelle Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen etc. engagieren. Der Freundeskreis unterstützt die Akademie der Künste der Welt insbesondere bei der Umsetzung ihres Konzepts, der Lösung von Problemen und der Kommunikation mit Politik und Stadt.

V
Die Akademie der Künste der Welt ist eine öffentliche Institution, ihre Mandate sind umfangreich und komplex. Ihr Auftrag besteht darin, transdisziplinäre und translokale Dialoge zwischen zeitgenössischen Kunstpraktiken zu schaffen, mit einer Vielzahl lokaler Initiativen zu interagieren und ein nachhaltiges Outreach-Modell aufzubauen. Eine derartige Mission erfordert sehr sorgfältige Planung und viel intersektionale Vernetzung.

Darüber hinaus muss die Institution ihre Agenda konsequent verwirklichen, indem sie gleiche Themen aus verschiedenen Perspektiven und auf verschiedene Weisen verfolgt: Erst nach wiederholten Begegnungen kann etwas scheinbar Unzugängliches doch zugänglich gemacht werden. Deshalb konzentrieren wir uns auf vier thematische Achsen zur Strukturierung des aktuellen Dreijahresprogramms – Sites, Palimpsest, Fakes und Transactions. Diese Themen spiegeln sich in Forschungsvorhaben, Produktionen und öffentlichen Veranstaltungen verschiedener Größenordnungen und Texturen wider – mal intensiv diskursiv, mal introspektiv und partizipativ, mal freudig feierlich.