Performative Taxifahrten

• 08​ – 29​ 06​ 2019 •
MEMORY STATION NOORDKAAP TAXI


Mit MAX DOVEY, JODI und ABNER PREIS


Taxifahrten finden statt am:
Sa 08 06 2019 / 19:00 - 22:00
Sa 15 + 22 + 29 6 / 13:00 - 17:00 / 19:00 + 22:00

Ort: quer durch Köln
Eintritt frei

Anmeldung bitte unter NOORDKAAP TAXI


Noordkaap verwandelt das Auto mit seinen vielschichtigen Konnotationen in eine mobile Memory Station. Während ihrer Residencies tauchen JODI, Max Dovey und Abner Preis in den Kölner Kontext ein und arbeiten eng mit dem Noordkaap-Team, der Jungen Akademie und lokalen Partner*innen zusammen, um neue ortsspezifische Arbeiten zu entwickeln und zu realisieren, die ausschließlich in Kölner Taxis durchgeführt werden.

Ein postfuturistischer Abschied vom Analogauto

Das Automobil, von den Futuristen als das ultimative Werkzeug des menschlichen Fortschritts besungen, wurde zu einem der wichtigsten Konsumgüter des 20. Jahrhunderts. Mit dem Aufstieg des Nationalismus in Europa verschmolz der Futurismus mit der Kriegsbegeisterung, die viele intellektuelle und künstlerische Gruppen an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg prägte. Industrialisierung, Geschwindigkeit, Lärm, Aggression und technische Innovationen waren die Quellen mehrerer Manifeste, die zwischen 1909 und 1914 veröffentlicht wurden. Mit der Veröffentlichung von Filippo Marinettis Manifesto del Futurismo auf der Titelseite des Figaro im Jahr 1914 begann eine neue Ära der Industrialisierung; die Avantgarde wurde geboren und raste in die Zukunft. Zwar wurde der Futurismus nach und nach von immer neuen Avantgarde-Bewegungen verdrängt, er war es aber, der schon in seinem Namen einen grundlegenden Aspekt des zwanzigsten Jahrhunderts verankerte – nämlich einen fast religiösen Glauben an die Zukunft. In der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichte der Mythos der Zukunft seinen Höhepunkt.

Darauf bauten politische Bewegungen auf: Liberalismus und Sozialdemokratie, Nationalismus, Kommunismus und sogar Anarchismus teilen mindestens eine Idee – nämlich, dass die Zukunft schöner und besser wird als die Gegenwart. Die Idee der Zukunft schien Zukunft zu haben – bis Menschen in den 1970ern zu erkennen begannen, dass Wachstum endlich ist. Die neoliberale Wirtschaftspraxis, die von der britischen Iron Lady Margaret Thatcher und später vom US-Präsidenten Ronald Reagan auferlegt wurde, beendete den gemeinsamen Glauben an eine blühende Zukunft. Das Auto brachte uns in die westliche Moderne. Es verkörpert den Zukunftsidealismus, der sich resistent gegen viele wichtige politische und wirtschaftliche Krisen erwies. Selbst als der Glaube an die Zukunft zusammenbrach, blieb das Auto ein zuverlässiges Produkt: Es bot schließlich einen individuellen Raum und ein Gefühl der Selbstbestimmung, einen Hauch von Autonomie.

Zumindest bis vor kurzem. Seitdem sind wir wohl in eine Ära jenseits der bloßen Zukunft eingetreten: Franco Berardi nennt sie post-future (in After the Future, 2011). Berardi konzentriert sich nicht auf das Jahr 1989, als der Kommunismus fiel, sondern auf 1977. Für ihn ist dies das Jahr, in dem es mit der Zukunft vorbei war – zu dieser Zeit zerbröckelte das moderne westliche Konzept der Zukunft als lineare progressive Entwicklung. Wie Berardi bemerkt, führte die RAF-Kampagne 1977 zum Deutschen Herbst, zur Autonomiebewegung in Italien und zum Aufstieg der Punk-Szene mit den Sex Pistols, die No future for you – no future for me schrien. Jetzt wird das Auto zu einem veralteten, umweltschädlichen Objekt. Es blieb im Stau stecken und wird von den rasenden Big Data auf der digitalen Autobahn überholt. Um zu überleben, muss sich die Automobilindustrie radikal neu erfinden. Die Zukunft ist digital – mit vollelektrischem automatischem Fahren, dem Roboterauto und der Sharing Economy, mit Unternehmen wie UBER, Dixi Chuxing und Apple, die durch gemeinsame Nutzung die Idee des Eigentums hinterfragen. Darüber hinaus verwandeln Android Auto (Google), Carplay (Apple) und Alexa (Amazon) das Auto in eine Quelle von Bewegungsprofilen und anderen wertvollen Verbraucherverhalten-Mustern. Diese Transformation entspricht einem breiteren Prozess: Daten werden aus menschlichen Erfahrungen gesammelt, um unser zukünftiges Verhalten vorherzusagen und zu beeinflussen. In diesen Prognosen liegt der neue Gewinn; ein System, das die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff treffend als Überwachungskapitalismus (surveillance capitalism) bezeichnet.

Bald werden wir unsere Autos nicht mehr so steuern können, wie wir es gewohnt sind – wir werden nicht mehr navigieren, an die Stoßstange fahren, beschleunigen, verlangsamen, Kurven nehmen, Knöllchen bekommen oder uns verfahren.

Vergiss den Traum von Individualität und Unabhängigkeit. Es ist Zeit für einen Abschied. Eine Reihe von performativen Taxifahrten erkundet die sich verändernde Stadtlandschaft des postindustriellen Köln und kreiert künstlerische Zeitkapseln, die in das digitale Archiv der Akademie aufgenommen werden.

Unsere Fahrten sind kostenlos, aber eine Reservierung wird benötigt.


Unterstützt durch die Botschaft des Königreichs der Niederlande und Creative Industries NL und die TÜV Rheinland Stiftung