Ausstellung

• 04​ 09​ – 03​ 10​ 2015 •
Eine Ausstellung gegen den verdeckten Krieg in der Ukraine Phone Calls from the Cemetery and Other Stories

Ein Projekt im Rahmen der PLURIVERSALE III.

Mit OLGA CHERNYSHEVA, ALEVTINA KAKHIDZE, EREDOVOE UDOGESTVO, YURI LEIDERMAN & ANDREY SILVESTROV, MELNYCHUK-BURLAKA GROUP, OLEKSIY RADYNSKI & TOMÁŠ RAFA, MYKOLA RIDNYI, ANASTASIA VEPREVA, kuratiert von EKATERINA DEGOT und DAVID RIFF

Die Ausstellung Phone Calls from the Cemetery and Other Stories findet in Partnerschaft mit The School of Kyiv, Kyiv Biennial 2015 statt.

Öffnungszeiten:
Mi–Fr 14:00–18:00
Sa 12:00–18:00
Achtung: Am 19.09. ist die Ausstellung wegen des Aufbaus zum Konzert von Lyudska Podoba im Rahmen der Kölner Musiknacht geschlossen.
Ort: Academyspace, Herwarthstraße 3, 50672 Köln
Freier Eintritt

Fr 4 9 2015 / 19:00
Ausstellungseröffnung

Phone Calls from the Cemetery and Other Stories ist eine Gruppenausstellung von ukrainischen und russischen Künstlern, die sich angesichts der Kriegshandlungen im Südosten der Ukraine widerständig positionieren. Es handelt sich um einen hybriden Krieg, der aus „schwarzen Operationen“, Propaganda und massiver Täuschung besteht und dabei alle Register möglicher Bildattacken zieht, welche die Massenmedien aufzubieten haben. Die Künstler geben darauf ihre eigenen asymmetrischen Antworten in Form von Geschichten und Bildern. Indem sie den Aufstieg des russischen Imperialismus ebenso kritisch infrage stellen wie die triumphierende Begeisterung Europas, schlagen sie einfallsreiche Alternativen zu den schalen Fiktionen der Propaganda vor. Die Ausstellung trägt den Namen eines Werks von Alevtina Kakhidze, welches in einer von Georg Blokus inszenierten Performance und als eine Reihe von Zeichnungen im ACADEMYSPACE gezeigt wird.

OLGA CHERNYSHEVA
Ohne Titel
Holzkohle, Papier, 2015, courtesy of Galerie Volker Diehl

Die Zeichnungen, Gemälde, Fotos und Videos der Moskauer Künstlerin Olga Chernysheva erforschen die Anthropologie sozialer Trägheit. Derselben Trägheit, die im gegenwärtigen Krieg so eine große Rolle spielt. Was denken die Menschen in Russland und der Ukraine wirklich? Sind sie tatsächlich gefügig und abgestumpft oder vielleicht doch nur ein wenig unempfänglich für die Propagandaflut? Chernyshevas Zeichnungen kauernder, zusammengedrängter Figuren erinnern an den Realismus des 19. Jahrhunderts – ein Subtext vieler anderer Werke der Ausstellung – und lassen die Antwort offen.

EREDOVOE UDOGESTVO
YOU ARE A PART OF US!
Video, 5', 2014, Russisch mit englischen UT

Einen Tag nachdem russisches Militär in nicht gekennzeichneten Uniformen die Kontrolle auf der Krim übernahm, gingen die jungen Künstler des losen St. Petersburger Kollektivs eredovoe udogestvo einen Beutel Mandarinen kaufen und drehten eine kurze, gnadenlos direkte Video- Performance, in der die drei größten Mandarinen die kleinen herumstoßen. Der Kurzfilm ist so simpel wie poetisch und von einer kindlichen Unschuld, die – so die Künstler der Gruppe – in dieser Form nur in den Anfangstagen des Krieges möglich war, als sich das, was bald zur Tragödie werden sollte, noch als Farce darstellte.

YURI LEIDERMAN & ANDREY SILVESTROV
Odessa, Fragment 205
16 mm zu HD-Video, ca. 30', 2015, Ukraine, Deutschland, Österreich, Russisch, Ukrainisch mit englischen UT

Yuri Leiderman kommt aus Odessa, einer Stadt, deren Kunstszene zerrissen ist, da der Krieg den Einzelnen zwingt, Partei zu ergreifen. In seiner jüngsten Zusammenarbeit mit dem Moskauer Filmemacher Andrei Silvestrov bringt Leiderman die zerstrittenen Konzeptkünstler in einer als religiöse Prozession inszenierten politischen Demonstration zu Ehren von zwei verstorbenen Ikonen der Szene zusammen. Die Sprechchöre der Prozession bestehen aus hochideologischen Fragmenten der Social-Media-Seiten der Toten. Diese Episode des laufenden Projekts von Leiderman und Silvestrov entstand als Gemeinschaftsauftrag in Zusammenarbeit mit der Kyiv Biennial.

MELNYCHUK-BURLAKA GROUP
Under the Bridge
Installation, Digitaldrucke, 2015

Als gelernte Architekten interessieren sich Olexander Burlaka und Ivan Melnychuk für die realen und metaphorischen Brücken, die auf beiden Seiten der neu geschaffenen Kluft zwischen Ukraine und Russland ständig heraufbeschworen werden: hier die berühmten Brücken, die die Eurobanknoten zieren, dort die Brücke, welche die Krim über die Straße von Kertsch mit dem russischen Festland verbinden soll. Burlaka und Melnychuk spüren diesen Metaphern in ihren Arbeiten nach und überlegen, wie sie neuartige architektonisch-politische Hybriden hervorbringen könnten, indem sie Atom-U-Boote als schwimmende Brückenpfeiler verwenden.

OLEKSIY RADYNSKI & TOMÁŠ RAFA
Footage for a film “People Who Came To Power”
HD-Video (Rohschnitt), 18', 2015, Russisch und Ukrainisch mit englischen UT

Als der Krieg begann, fuhren Oleksiy Radynski und Tomáš Rafa in die Donbass-Region. In einer ans Makabre grenzenden visuellen Soziologie beleuchtet ihre eindringliche Dokumentation die sogenannte Separatistenbewegung, deren neue politische Realität aus einem fatalen Dunst nationaler Gefühle, deplatzierter religiöser Überzeugungen sowie offenkundiger gesellschaftlicher Missstände aufsteigt. Tatsächlich haben „freundliche grüne Männchen“ – russische Soldaten in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen – das Sagen; man sieht sie unzweifelhaft im Hintergrund agieren.

MYKOLA RIDNYI
Regular places
HD-Video, 14', 2014, Russisch und Ukrainisch mit englischen UT

Mykola Ridnyis Heimatstadt Charkiw ist eine der größten russischsprachigen Städte der Ostukraine und von einer der ambitioniertesten Architekturen in der gesamten ehemaligen Sowjetunion geprägt. In Ridnyis Film wird die halb utopische, halb bedrohliche Vertrautheit dieser riesigen, noch friedlichen Stadtlandschaften gestört von Tonaufnahmen aufgebrachter Menschenmengen, den Kundgebungen und Auseinandersetzungen zweier Konfliktparteien. Diffuse Beleidigungen gerinnen zu neuen quasi-totalitären Sprechchören. Während die städtische Landschaft den Hass absorbiert, verändert sie sich unwiderruflich.

ANASTASIA VEPREVA
Lost machine
Istallation, Tintenroller, Aquarellpapier, Kartografie auf der Wand, 2014–2015

Anastasia Vepreva kam zu der Einsicht, dass Russland für ein Land in vermeintlichen Friedenszeiten eine Menge Kriegsgerät verliert. Wo und wie geht es verloren? Die junge St. Petersburger Künstlerin erstellt die Weltkarte eines kaum verhohlenen Neokolonialismus, den eine gewaltsame Form der Waffenentsorgung auszeichnet. Ihre detailverliebten Zeichnungen von verbogenen Wracks und zerstörten Waffen vermitteln ein subversives Mitgefühl für die gequälten Objekte, die auf Schlachtfeldern des „Friedens“ in der Ukraine zurückgelassen wurden.