Ekaterina Degot zur „Kölner Botschaft“

Nach den Silvesterereignissen sorgen sich Kölner Prominente um ihre Stadt: Als gemeinsamen Aufruf haben sie daher eine „Kölner Botschaft” veröffentlicht. Ekaterina Degot, Künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt, nimmt zu dem Text Stellung.

Es fällt schwer, Toleranz, Offenheit, Sicherheit und freiheitliche Werte nicht zu schätzen. Wer würde sich dem nicht anschließen? Die „Kölner Botschaft“ jedoch ist verstörend. Und sie beunruhigt mich ‒ als „privilegierte Migrantin“ in Deutschland, als Frau (die zufällig in der Nähe des Hauptbahnhofs wohnt) und als künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt.
Bei dem Text handelt es sich um eine ausschließlich ethnozentrische Beschreibung eines Ereignisses, das in erster Linie unter dem Gesichtspunkt Kriminalität zu betrachten ist. Ich komme aus Russland - einem Land, zu dem Deutschland ein ambivalentes und zum Teil orientalistisches, von Wertschätzung, aber auch Misstrauen und Ablehnung geprägtes Verhältnis besitzt. Als Fremde, die erst seit kurzem in Deutschland lebt, bin ich mit den Mechanismen der „Exotisierung“ - positiv oder negativ, je nach Situation - nur zu gut vertraut.
Der Text bedient sich im Wesentlichen eines ethnischen Rahmens zur Definition des anderen, wobei die Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“ vor allem anhand jener rassischen Kriterien erfolgt, welche die öffentliche Meinung dominieren. Er bezeugt dieselbe Angst vor dem anderen, die im Privaten, obwohl dort schon immer präsent, bis vor kurzem zurückgedrängt wurde und sich nun explosionsartig in die Medien verbreitet.
Als Frau erscheint mir nicht nur die sexuelle Gewalt extrem verstörend, sondern auch die fast schon voyeuristisch-erotisierende Art der Berichterstattung und der Diskussionen, die den Übergriffen nun auch noch die Erniedrigung folgen lässt, indem sie die betroffenen Frauen noch stärker zu Objekten degradiert. Die Übersexualisierung des Ereignisses in den Medien verkörpert das uralte, mit einer Mischung aus Abscheu und heimlichem Ergötzen immer wieder erzählte Phantasma des weißen Mannes vom Orientalen, der weiße Frauen vergewaltigt. Die Sorge um die Sicherheit von Frauen ist dabei nicht das eigentliche Anliegen des Textes, denn ihm fehlt der Blick für die großen Zusammenhänge. Der Domplatz ist, trotz der Ereignisse der Silvesternacht, für Frauen immer noch sicherer ist als die Herkunftsländer der Flüchtlinge und die Lager, in denen sie leben.
Die im Text genannten „anderen“ werden dort auf primitive Weise kollektivistisch wahrgenommen und ihnen wird unterstellt, dass sie westlichen Individualitätsansprüchen nicht genügten. Daher lautet die Annahme, dass jene Anderen zwangsläufig eine Art Gemeinschaft formen, in der jeder Einzelne für die kriminellen Taten der Mitglieder verantwortlich ist, während man Deutschen solches nicht unterstellen würde.
Die „Kölner Botschaft“ und die in ihr offenbarte Geisteshaltung sind außerdem beunruhigend, weil sie eine starke Identifikation der Zivilgesellschaft mit dem Staat und seiner Effizienz aufweisen. Hier wird nicht zu Zivilcourage und kritischem Denken aufgerufen oder dazu, den eigenen Überzeugungen entsprechend zu handeln, sondern zu Gehorsam und Kritiklosigkeit im Austausch gegen „Sicherheit“, und das finde ich wirklich gefährlich. Dabei impliziert der unkritische und vorbehaltlose Stolz auf die vermeintliche „Gastfreundlichkeit“ der Kölnerinnen und Kölner ein (unreflektiertes) Ungleichgewicht der Macht. Tatsache ist: Der andere hat keine Rechte und ist im Grunde nicht willkommen.
Bei der Lektüre des Textes wird deutlich, dass der hier stolz vertretene Lokalpatriotismus keineswegs (wie angedeutet) eine Lösung ist – er ist genaugenommen der Kern des Problems. Er ist nicht nur provinziell und in sich geschlossen, auf beleidigende Weise selbstherrlich und blind in dem Glauben an die eigene „Offenheit“, sondern politisch gesehen problematisch, da er „uns” von „denen” abgrenzt. Er äußert sich aus der Machtposition des Einheimischen gegenüber dem „Gast” und definiert einen abweisenden und heuchlerischen Rahmen, der zwar ein „Ihr seid willkommen“ herausschreit, dabei aber impliziert, dass dem nicht so ist. Denn das Letzte, was „wir“ hier wollen, ist Veränderung. Er ignoriert schlicht den Gesamtzusammenhang der Machtverhältnisse auf der ganzen Welt.
Ich komme, wie gesagt, aus Russland, einem der derzeit düstersten Teile der Erde. Ich distanziere mich entschieden von der Welle des gewaltsamen, unkontrollierten Rassismus, der vor kurzem das staatliche russische Fernsehen, die Zeitungen und sogar soziale Medien übernommen hat und nun auf Europa übergreift. Was wir inzwischen hier erleben, mutet an wie eine schäbige Parodie: eine obskure, schon fast pornografische TV-Story über die Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Berlin-Marzahn, rassistische Hetzreden, sozialdarwinistischer Hass auf Armen und Unterprivilegierte, der Glaube an den eigenen, exklusiven Anspruch auf europäische Konsumgüter (Kultur inklusive), rechtsextremer Hass auf den anderen, egal ob Migrant oder migrantenfreundlicher Deutscher.
Wir müssen das reaktionäre, fundamentalistische Konzept des „Krieges der Zivilisationen” entschieden zurückweisen, wo und wann auch immer es auftritt, und den Internationalismus verteidigen. Anders, als immer wieder behauptet, handelt es sich hier nicht um eine Utopie, schon gar keine gefährliche. Der seit Anfang der 1990er-Jahre herrschende Neokapitalismus hatte größte Schwierigkeiten, den Internationalismus in den post-kommunistischen Territorien zu zerstören, und es besteht dort noch immer Hoffnung, ihn als gemeinsame Grundlage wiederzubeleben.
Der Westen muss endlich Verantwortung übernehmen, anstatt seine Privilegien zu genießen. Der idealistische Diskurs der „Gastfreundlichkeit“ ist hohl und gefährlich, wenn er koloniale Gewalt sowie das damit verbundene Privileg der Einheimischen gegenüber den Migranten weder benennt noch bekämpft. Europa darf seine „europäischen Werte“ nicht privatisieren. Wir sollten nicht die Integration von Migranten in Gesellschaften mit statischen und normativen Werten diskutieren, sondern die Integration der Werte der anderen – unter anderem die Arbeitsethik der Immigranten ‒ in die existierende europäische Gesellschaft. Wir sollten uns nicht mit Sicherheit beschäftigen, sondern mit Chancengleichheit in der Gesellschaft. Wir sollten nicht Toleranz (als Synonym für Gleichgültigkeit) predigen, sondern Solidarität, um gemeinsame Ziele zu erreichen: ein besseres Leben für alle auf diesem Planeten, in Europa und in Köln ‒ aber in dieser Reihenfolge.

Dieser Text erschien am 27.1.2016 im Kölner Stadt-Anzeiger und in gekürzter Form am 28.1.2016 der Kölnischen Rundschau.