Vortrag und Diskussion

• 07​ 04​ 2016 •
Jürgen Zimmerer Zwischen Vergessen und Verdrängen: Kolonialismus, Holocaust und nationale Identität

19:00
Ort: ACADEMYSPACE, Herwarthstraße 3, 50672 Köln
Freier Eintritt

Da Deutschland nur relativ kurze Zeit Kolonialmacht war (1884–1919), blieben ihm die Wirren der Dekolonisation nach dem Zweiten Weltkrieg erspart. Vielmehr war man damit beschäftigt, die Verbrechen des Dritten Reiches zu verarbeiten, und so geriet der Kolonialismus weitgehend in Vergessenheit. Zu Unrecht, denn Deutsche waren seit den ersten „Entdeckungen“ wesentlich an diesem europäischen „Projekt“ beteiligt. Im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika fand sogar der erste deutsche Genozid statt, wurden 30 Jahre vor den „Nürnberger Rassegesetzen“ bereits Maßnahmen zum Verbot von „Mischehen“ erlassen. Und als Frankreich, die koloniale Situation umkehrend, 1919 das Rheinland durch senegalesische Truppen besetzen ließ, kam es zu einer folgenreichen Kampagne gegen die sogenannte „Schwarze Schmach“, die ein Bild des „Schwarzen Vergewaltigers“ heraufbeschwor, das bis heute fortwirkt. Auch endeten deutsche koloniale und imperiale Bestrebungen nicht 1919, sondern setzten sich mit der „Ostexpansion“ des Dritten Reiches fort. Inzwischen sind koloniale Verbrechen wieder Thema der Politik, etwa in der Frage der Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama. In der deutschen Vergangenheitspolitik ist der Kolonialismus zu einem Testfall für den Erfolg der Bewältigung einer rassistischen Vergangenheit geworden.

Jürgen Zimmerer ist Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg. Zuletzt erschienen Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust (LIT Verlag, 2011) und Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (Campus, 2013).